Das Virus der Anderen | ZEIT ONLINE

China

Am Sonntag landete ich mit einem der letzten Air-China-Flüge aus Deutschland in Peking. Nach der Ankunft wies der Pilot uns an, sitzen zu bleiben. Flughafenmitarbeiter in weißen Schutzanzügen maßen unsere Temperatur noch in der Kabine – es war die dritte von acht Messungen auf der Reise.

Auf meine Frage, warum er den Flug gebucht habe, erklärte mein Sitznachbar, er fühle sich derzeit sicherer in China. Wie viele Auslandschinesen hatte er im Januar mit großer Sorge den Virus-Ausbruch in der Heimat verfolgt. Umso verstörter sei er über die “Corona-Partys”, die Studenten noch vergangene Woche an der Isar feierten. Bis Deutschland den Höhepunkt der Infektionswelle überwunden habe, wolle er bei seiner Schwester in Peking ausharren. Er rechnet nicht mit einer Rückkehr vor Mitte Mai.

Ich habe den Eindruck, dass viele Chinesen, die in diesen Tagen vor dem Virus zurück in die Volksrepublik fliehen, ein Gefühl teilen: nämlich dass ein autoritäres System in der Corona-Krise den Menschen mehr Sicherheit bietet als ein freiheitliches. Mit einer Vertrauensbekundung für das Regime hat das jedoch nichts zu tun. Die Vertuschungsversuche des chinesischen Regimes und seine Intransparenz sind nur für eine Weile in den Hintergrund gerückt, weil außerhalb Chinas die Fallzahlen explodieren, während im Land selbst keine Neuinfektionen mehr gemeldet werden. Keine lokalen Ansteckungen in den vergangenen zwei Wochen in Peking, das ist zu schön, um wahr zu sein. Offizielle Statistiken in China sind unzuverlässig. Doch man darf zumindest annehmen, dass kaum noch Fälle unentdeckt bleiben.

Wer heute nach China oder durch das Land reist, muss 14 Tage in Quarantäne. Nach meiner Ankunft musste ich wie alle Passagiere in einen Bus einsteigen. Gemeinsam mit Reisenden aus London, Frankfurt und Tokio wurden wir in eine Messehalle gefahren, wo die Regierung eine provisorische Quarantäne-Verteilstation errichtet hat. Außer Eltern mit Kindern unter 14 Jahren und Menschen über 70 werden alle für 14 Tage in Hotels einquartiert. Die Unterkunft wird je nach Wohnadresse zugewiesen. Wehmütig dachte ich an mein Apartment in der Nähe des Glockenturms, den kleinen Wintergarten, die Katzen, die durch den Hof streunen.

Mein Sitznachbar nahm es lockerer als ich. Es sei gut, dass der Staat so konsequent sei, sagte er. Lieber verbringe er die nächsten 14 Tage im Hotel als bei seiner Schwester. “So kann ich meine Verwandten nicht gefährden”, sagte er. Xifan Yang

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Belgien

Vor Kurzem noch war viel los auf dem breiten Bürgersteig der Avenue Toison d’Or in Brüssel, tagein, tagaus ein immerwährendes Durcheinander in den zahlreichen Geschäften, Kinos, Restaurants und Bars. Jetzt ist es hier menschenleer, wie überall. Die Regierung hat vor einer Woche den Shutdown beschlossen. Nur noch Supermärkte, Lebensmittelläden, Apotheken und Friseure sind offen.

An einigen Ecken Brüssels sollte man sich jetzt lieber die Nase zuhalten
© Didier Bauweraerts/​imago images

Die Ausgehmeile ist noch für etwas anderes berüchtigt. Wer sie entlangspaziert, dem steigt ein durchdringender Geruch nach Urin in die Nase. Über Dutzende Meter riecht es wie in einem schlecht gereinigten Pferdestall. Sehr viele Männer müssen sich hier über einen längeren Zeitraum erleichtert haben, denn der Geruch hält auch Tage nach dem Shutdown an.

Nun mag einem eine solche Beobachtung ein wenig frivol vorkommen in Zeiten, da das Coronavirus weltweit Tausende Opfer fordert. Doch verbindet sich mit ihr die ernsthafte Frage, wie der belgische Staat den vielen Männern beibringen kann, was jetzt lebensnotwendig ist: Disziplin. Wie kann man jemand davon überzeugen, Ausgangssperre und Abstand einzuhalten, der sich in normalen Zeiten schamlos in einer zentralen Straße Brüssels erleichtert?

Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass das Wahrzeichen Brüssels der Manneken Pis ist, die Statue eines nackten, rundlichen Jungen, der fröhlich in einen Brunnen pinkelt. Der Manneken Pis steht für die vergnügte Eigenwilligkeit der Belgier. Derzeit allerdings kann sie zu einer echten Gefahr werden. Und wer sollte die Belgier schon zur Ordnung rufen? Einen starken Staat gibt es hier nicht. Es handelt sich bei Belgien ja weniger um einen Staat als um ein undurchschaubares Gefüge aus föderalen und regionalen Zuständigkeiten. Wer ist wofür zuständig? Wer bestimmt was? Nicht einmal Belgier können darauf leicht Antworten finden.

Immerhin, nach 15 Monaten erfolgloser Versuche der Regierungsbildung hat das Land jetzt eine Art Notregierung. Zehn Parteien haben Premierministerin Sophie Wilmès für sechs Monate Sondervollmachten zugestanden, um die Krise zu bewältigen. Den Shutdown jedenfalls scheinen die Belgier ernst zu nehmen. Kaum war er verordnet, sah man vor den Supermärkten lange Schlangen, weil alle den obligatorischen Abstand einhielten. Und die Brüsseler Polizei hat sich auch etwas einfallen lassen, um die eigenwilligen Bürger ohne Zwang davon zu überzeugen, nur noch für die notwendigsten Besorgungen vor die Haustür zu treten.

Über die Lautsprecher ihrer Wagen lässt sie ein Lied des Chansonniers Claude François abspielen. Da heißt es: “Bleiben Sie zu Hause, auch wenn der Frühling da ist und singt!” Ulrich Ladurner

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Sudan

Politische Aktivisten in Khartum fürchten um ihre Proteste
© AFP/​Getty Images

Khartum, Mitte März: Der Campus der Uni ist voller Menschen. Auf dem Rasen diskutieren Studenten die nächste Protestaktion: Mit einem Sit-in wollen sie erzwingen, dass die versuchte Niederschlagung ihrer friedlichen Revolution vergangenes Jahr, bei der Armee und Milizen tödliche Gewalt einsetzten, aufgeklärt wird.

Khartum, wenige Tage später: Der Sudan meldet den ersten Corona-Toten auf dem afrikanischen Kontinent. Die offizielle Zahl der Infizierten ist noch winzig, doch die Regierung hat den “Gesundheitsnotstand” ausgerufen. Die Universität und die Schulen sind geschlossen, Menschenansammlungen verboten: Hochzeiten, Sportveranstaltungen, Beerdigungsfeiern – und natürlich Demonstrationen.

Fast ein Jahr ist es her, dass die sudanesische Demokratiebewegung am 11. April 2019 den Sturz des Diktators Omar al-Baschir erzwang. Inzwischen ist eine zivile Übergangsregierung im Amt, eingesetzt von einem Rat aus Militärs und Zivilisten.

Die große Mehrheit der 40 Millionen überwiegend jungen Sudanesen kannte den Staat bislang nur in Gestalt des Regimes von Baschir, der sich 1989 mithilfe von Islamisten an die Macht geputscht hatte. Milliarden Dollar aus Öleinnahmen verschwanden in den folgenden Jahrzehnten in Parteinetzwerken, auf den Auslandskonten der Khartumer Elite. Was für den Staatshaushalt übrig blieb, floss in den Ausbau von Armee und paramilitärische Einheiten. Für Bildung und Gesundheit blieben Krumen.

Der Diktator hat ein ruiniertes Land hinterlassen. Der Staat ist faktisch bankrott, das Gesundheitssystem am Boden, es gibt keine Devisen, um Medikamente zu importieren. Diesel und Benzin sind kaum noch zu bekommen.

Unterdessen versuchen die UN sowie Hilfsorganisationen die Versorgung der großen Flüchtlingslager in Darfur sowie der Armenviertel im ganzen Land aufrechtzuerhalten.

Vor diesem Hintergrund sind viele der politischen Aktivisten erstaunlich gelassen: “Wir müssen geduldig sein”, erklärt Rami, 27-jähriger Politologiestudent und erklärter Fan von Greta Thunberg. “Wie geht’s eurer Kanzlerin? Wir denken an euch!”

Aber ihm schwant, dass das Virus auch die fragilen Erfolge der Revolution bedroht. Die Corona-Krise ist eine Chance für Generale und Milizenführer, wieder mehr Macht an sich zu ziehen. “Keiner weiß, was passieren wird”, schreibt Rami. Baschir sitzt inzwischen im Gefängnis. Aber Armee und Milizen, gegen die Rami und Hunderttausende monatelang demonstriert haben, sollen nun den “Gesundheitsnotstand” überwachen. Seit Montag herrscht eine nächtliche Ausgangssperre. Das kennt man aus den alten, schlechten Zeiten. Andrea Böhm

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Russland

In Moskau sollen chronisch Kranke und alle Menschen über 65 Jahre bis Mitte April daheimbleiben. Alle? Wladimir Putin, 67 Jahre alt, werde weiter seiner Arbeit nachgehen, stellt der Kreml-Sprecher klar. Putin hat ja auch viel vor: 20 Jahre lang hat er seine “Machtvertikale” aufgebaut – die Ausrichtung des gesamten Staates auf den Präsidenten. Nun will er sie in der Verfassung verankern: Dank der Änderungen dürfte Putin bis 2036 im Amt bleiben.

Wäre da nicht Corona. In Russland kann man dieser Tage eine Politik der zwei Geschwindigkeiten beobachten. In Moskau wurden schrittweise die Regeln verschärft: Der Bürgermeister hat Heimarbeit angeordnet, Schulen und Kindergärten geschlossen, Ausländer zu einer zweiwöchigen Quarantäne verpflichtet. Verstöße werden mit Überwachungskameras geortet. Schwimmbäder und Fitnessclubs sind geschlossen, Clubs und Cafés werden es bald sein, die elektronischen U-Bahn-Tickets für Jugendliche und Schüler sind blockiert. Doch während in Moskau der Bürgermeister das öffentliche Leben stilllegte, tat der Kreml lange, als sei nichts. Putin hielt am 22. April als Tag für die Abstimmung über die Verfassungsreform fest. Er schüttelte munter Hände und versicherte, alles unter Kontrolle zu haben.

Bis zum Dienstag. Da traf der Bürgermeister von Moskau den Präsidenten und erklärte ihm, dass die offizielle Zahl der Corona-Infektionen nicht stimme. 495 Infizierte wies Russland am Dienstag auf. Der Bürgermeister warnte Putin, die Dunkelziffer sei höher, und die Infektionsdynamik gebiete zu handeln. Putin besuchte noch am selben Tag eines der Moskauer Krankenhäuser, das Infizierte behandelt. Er trug dabei einen gelben Schutzanzug und eine Atemmaske, als sei er dem Film Outbreak entsprungen. Kamerateams und Fotografen ließen es sich nicht entgehen.

Vielleicht werden diese Bilder vom Präsidenten in voller Schutzmontur dem einen oder anderen in Russland klarmachen, wie ernst die Lage ist. Die Politik der zwei Geschwindigkeiten hat für Verwirrung gesorgt. Zwei unversöhnliche Positionen stehen einander gegenüber. Die einen glauben, alles sei nicht so schlimm und das Virus ein Problem des Auslands. Sie wundern sich, wenn man nun Interviews lieber telefonisch führt. Die anderen glauben, dass der Staat das Ausmaß der Krise vertuscht und es viel mehr Corona-Infektionen gibt als offiziell bekannt.

Dass sich nun herumspricht, es gebe wohl mehr Infektionen als angenommen, verändert viel: Nun stellt der Kreml gar in Aussicht, die Abstimmung über die Verfassungsreform zu verschieben. Erst gilt es, zu zeigen, wie Wladimir Putin die Corona-Krise regelt. Alice Bota

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Libanon

Das Militär setzt in Beirut die Ausgangssperre durch
© Hussam Chbaro/​dpa

Am Sonntagmorgen kreist ein Armee-Hubschrauber mit Lautsprechern über Beirut: “Bleiben Sie zu Hause!” Empfohlen hatte die Regierung das schon vor einer Woche. Von Montag an war es Pflicht. Die Armee schickt Soldaten, die die Ausgangssperre kontrollieren sollen. Für Reporter dürften die nächsten Stunden die letzte Gelegenheit sein, sich noch selbst ein Bild von der Lage zu machen. Beirut vor dem Shutdown. Oder: vor dem Zusammenbruch?

Als die Corona-Pandemie im Februar den Libanon erreichte, erklärte das Land gerade den Staatsbankrott. Die Misere war längst Alltag: Reis kostete doppelt so viel wie noch im Herbst, Tausende hatten wegen der Wirtschaftskrise ihren Job verloren. Im Oktober hatten wir Journalisten noch von den euphorischen Anti-Korruptions-Protesten berichtet, vom Sturz der Regierung. Nun fragten sich viele, ob es bald neue Unruhen geben würde – aufgrund von Hunger.

Dem neuen Kabinett, frisch im Amt, aber schon unbeliebt, bot das Virus die Chance, sich tatkräftig zu zeigen. Anfang März schloss die Regierung erst die Schulen, dann die Bars, schließlich den einzigen Flughafen. Ein Versammlungsverbot beugt Infektionen vor – und Protest.

Die Bürger halten sich erstaunlich konsequent an die Regeln – wohl weniger, weil sie die Staatsmacht plötzlich achten würden, als vielmehr, weil sie ihre Schwäche fürchten. Libanesen wissen: Wer hier erkrankt, kann keine Rettung erwarten. Für Corona-Patienten gibt es im ganzen Land nur ein öffentliches Krankenhaus mit zwölf Intensivbetten.

Am Sonntag strahlt der Himmel über Beirut. Vor der Corona-Krise hing hier dicker, gelber Smog. Jetzt sind kaum Autos unterwegs, nur Lieferanten auf Mofas. Mit dem Rad hat man freie Fahrt über die Highways und durch die verwaisten Gassen der Slums. Nur in den ärmsten Vierteln sitzen noch Familien draußen. Ihre Nachbarn, Libanesen, seien zu Verwandten aufs Land geflohen, erzählen sie. Sie selbst sind Syrer oder Palästinenser, Flüchtlinge ohne Rückzugsort.

Das ist die Furcht überall im Nahen Osten: dass Corona die Armenviertel und Flüchtlingslager erreicht. Hände waschen und Abstand halten? Unmöglich, wo sich Menschen zu zehnt ein Zimmer oder mit Hunderten eine Toilette teilen. Noch sind keine Fälle bekannt, aber vielleicht ist das Virus längst in den Lagern. Theoretisch sind Tests kostenlos, doch wie kommt man ohne Geld und Papiere in die einzige Klinik der Stadt?

Ab Montag steht das Land endgültig still. In der Schockstarre der Epidemie dürfte der Hunger wachsen, ging den Familien doch schon vorher das Geld aus. Kommt wieder Bewegung ins Land: Es dürfte ein Aufstand werden. Lea Frehse

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